Die Causa Tori – Bildvergessenheit bei gleichzeitiger Bilderflut

Uni Wien warb mit schwarzem Flachgauer für Internationalität“ titelte derStandard.at seine Zusammenfassung einer Causa, die die sozialen Medien zur Zeit bewegt und amüsiert. Eine gute Gelegenheit, einige grundlegenden Probleme der Bildvergessenheit bei gleichzeitiger Bilderflut anzusprechen.

Ein Kommentar von Maria Schreiber

Bildschirmfoto 2014-10-16 um 13.27.06

 (Ausschnitt Screenshot Facebook)

Der dunkelhäutige Student Tori Reichel wurde vor Jahren im Publizistik-Institut abgelichtet, gab sein Einverständnis dazu, dass das Bild zu PR-Zwecken verwendet wird. Als das Bild wiederholt auf den Uni-Webseiten prominent platziert wird, immer öfter auch im Kontext Internationalität, reicht es Tori und er beschwert sich mit einem „Offenen Brief eines Nicht-Erasmus-Studenten“ bei seiner Uni. Sein Hauptkritikpunkt dabei ist, dass seine Hautfarbe mit „Internationalität“ assoziiert wird, was für ihn als „Junge, der im exotischen Grenzgebiet von Salzburg und Oberösterreich geboren und aufgewachsen ist“, absurd scheint. Er spricht weitere visuelle Klischees an, etwa dass Forschung meist mit weißen Kitteln illustriert wird.

Der Brief zieht Kreise, wird tausendfach geliked und geteilt, unter anderem mit einem Facebook-Beitrag von Armin Wolf und sogar der Spiegel hat Tori Reichel interviewt.

Nun hat die Web-Redaktion der Uni Wien reagiert und sich für die Verwendung des Fotos entschuldigt. Allerdings für die mangelnde Aufklärung Tori gegenüber, wie genau und wie oft das Foto verwendet werden würde, und dass sie keine schriftliche Einverständniserklärung eingeholt habe. Wie einige User bereits kommentieren, wird auf den eigentlich Kritikpunkt nicht ernsthaft Bezug genommen: Warum wird Internationalität mit schwarzer Hautfarbe bebildert? Warum Forschung mit weißen Kitteln?

Die Reproduktion visueller Stereotype bleibt unreflektiert, bis auf die Einladung an Tori „als Betroffener einer falschen Auswahl, gemeinsam mit den FotografInnen und uns RedakteurInnen (…) sinnvolle Inputs“ zusammenzutragen.

Von Tori wurde offenbar ein Nerv getroffen, der weniger etwas mit diesem jenen Einzelbild oder der Uni Wien zu tun hat, auch wenn es dem Webteam der Uni Wien offenbar auch einfach gut gefällt („Nicht außer Acht zu lassen, dass du gemeinsam mit deinen Kolleginnen auf dem Foto einfach auch sehr gut getroffen bist“). Vielmehr liegt der aufwallenden Debatte eine grundlegende Bildvergessenheit bei gleichzeitiger Bilderflut zugrunde.

Der Spruch, dass ein Bild mehr als tausend Worte sagt, wird gern bemüht, doch was bedeutet das konkret im Arbeitsalltag von jenen, die über Produktion, Auswahl, Beschnitt und Nachbearbeitung jener Bilder entscheiden, die sich im öffentlichen Diskurs bewegen? Wie ausgesprägt ist die Bildkompetenz von JournalistInnen und PRlerInnen? Studien zeigen (Brantner et al 2011; Beymer et al 2007), dass der erste Blick der Lesenden meist auf das Bild zum Text fällt und dieses auch einen großen Einfluss darauf hat, wie der bebilderte Artikel emotional und implizit verstanden wird. Weitere Studien (zB. Gürsel 2012) machen jedoch deutlich, dass in konkreten journalistischen Arbeitssituationen die Auswahl von Bildern meist unter hohem Zeitdruck und aus begrenzten Beständen erfolgt. Der unreflektierte Umgang mit Bildern im öffentlichen Raum wird sowohl auf nationalem und internationalem Parkett immer wieder kritisiert, etwa im Falle von manipulierten Kriegsbildern oder der Veröffentlichung von geleakten Nacktfotos  – leider wird der Ruf nach Sensibilität vor allem dann besonders laut, wenn etwas schiefgeht.

Der Umgang mit der diskursiven ‚Macht der Bilder‘ will gelernt und trainiert sein, genau wie der Umgang mit Sprache, ‚Bilder-Bildung‘ hat jedoch in Journalismus- und Public Relations-Ausbildungen keinen oder nur marginalen Platz. Das Ignorieren von visueller Kommunikation als wesentlichem Element unserer kulturellen Verständigung beginnt eigentlich schon in der Schule: Unsere Lese- und Schreibkompetenz wird brav trainiert, wie Bilder kritisch zu betrachten sind und was es bedeutet, bestimmte Repräsentationen in spezifischen Kontexten sichtbar zu machen, wird höchstens mal in „BE“ andiskutiert.

Bilder sind genau wie Texte komplexe Sinneinheiten, mit denen wir uns verständigen: Je nach unserem Vorwissen, unserem ‚visuellen Gedächtnis‘ interpretieren wir Bilder unterschiedlich. Wie im Medium Sprache gibt es visuelle Konventionen, die es uns ermöglichen, gemeinsame Wissensvorräte zu teilen, Bilder zu zitieren, Inhalte und Stimmungen zu kommunizieren – ganz explizit, aber oft auch latent und implizit. Stereotype ermöglichen rasche Verständigung, gleichzeitig werden sie aber im unreflektierten Umgang damit mitunter auch eindimensional verstärkt. Das wird besonders dann heikel, wenn Bilder in öffentlichen Diskursen Vorstellungen etablieren und verstärken, ohne dass die Betrachtenden überhaupt eigene Erfahrungen mit etwas haben. Zum Beispiel, wenn es darum geht, Wie Kinder Forscher (sic!) sehen – nämlich vor allem als männliche Naturwissenschaftler. Und so auch im Falle Toris, der nicht aufgrund seiner Hautfarbe als Ikone „ausländischer Studierender“ und damit Nicht-Österreicher fungieren will. Der Ansatz der Uni Wien, auf die Verwendung von Stockfotografie zu verzichten, ist sicher ein Beginn – nur sollten in der Produktion und Selektion der Bilder nicht die gleichen ‚Fehler‘ gemacht werden, die an Stock-Fotos kritisiert werden, nämlich die Reproduktion von Klischees und stereotypen Darstellungen.

Ein grundlegendes Bewusstsein darüber und eine kritische Auseinandersetzung damit, wie durch und in Bildern kommuniziert wird, was wo wie sichtbar gemacht wird, sollte sich daher als unumgängliche kulturelle Kompetenz in Lehrplänen und Berufsausbildungen wiederfinden. Nicht zuletzt deswegen, weil visuelle Kommunikation auch in immer größerem Ausmaß ein wesentlicher Modus unseres persönlich-privaten Austausches ist, etwa via Facebook, Instagram und WhatsApp. Damit wird auch für intimste Kommunikation die Bilderfrage virulent: Was zeige ich, und was wird gesehen?

Maria Schreiber ist Teil des DOC-team Projekts Bildpraktiken, Mitarbeiterin des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien und forscht zu visueller Kommunikation und Smartphone-Fotografie.

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